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Altes Handwerk neu belebt
Die Klangwelt Toggenburg ist um eine Attraktion reicher. Die Klangschmiede soll aber nicht nur Touristen anlocken. Dank ihr sollen die Kühe rund um den Säntis künftig Schellen um den Hals tragen, die in Alt St. Johann geschmiedet worden sind.
Dicker, gelblicher Qualm steigt aus dem kleinen Steinkohlehaufen auf. Mit blossen Händen rückt Schmied Andreas Keller den brennenden Anzündwürfel in der Esse, der Feuerstelle der Schmiede, zurecht. Er zieht an einem Hebel, das Gebläse surrt etwas lauter. Plötzlich stieben Funken, und innert Sekunden brennt ein Feuer mit hellgelben Flammen. Der Rauch ist verschwunden. Fünf Minuten später ist die Glut heiss genug. Mit einer langen Zange packt Keller eine kleine Metallschale und legt sie in die Esse. Die Schale ist die eine Hälfte einer künftigen Rolle. So sagen die Appenzeller und Toggenburger den Schellen, die man von den Schweizer Jasskarten kennt. Zwei Schalen bilden eine Art Kugel, in deren Inneren ein Metallstück herumpurzelt und so für den unverkennbaren Klang sorgt.

Andreas Keller bereitet das Feuer zum Schmieden vor, nimmt die Halbschale aus der Glut …
Die halbe Rolle glüht hellrot, als sie Keller aus der Glut nimmt. Mit der Zange hält er sie auf einen speziellen Amboss, einem «Gesenk». Mit einem Hammer klopft er sie in die gewünschte Form. Bereits nach wenigen Schlägen ist das Metall bereits wieder so stark abgekühlt, dass es von neuem in die Glut muss. Dieses Prozedere wird dutzende Male wiederholt, bis Durchmesser, Wandstärke und Wölbung den Vorstellungen des Schmieds entsprechen.

… und klopft die Schale nach seinen
Vorstellungen zurecht: Die Schelle nach
einem aufwändigen Arbeitsprozess.
Keller muss genau arbeiten, damit der Klang stimmt, wenn er probehalber mit einem Stück Eisen gegen die Rolle schlägt. Und der Klang ist es schliesslich, worum sich alles dreht hier im oberen Toggenburg. Innovative Köpfe machten sich bereits seit Jahren Gedanken darüber, wie man sich im Toggenburg von den grossen Ferienregionen in den Bergen abheben könnte. Im Jahr 2002 trat die Idee der Klangwelt ihren Weg zum Erfolg an. Vor allem bei Familien beliebt ist der Klangweg zwischen Alt St. Johann und Wildhaus, auf dem an verschiedenen Posten mit Tönen, Klängen und teils skurillen Instrumenten experimentiert werden kann. Gar internationale Bekanntheit erlangte das zweijährlich stattfindende Naturstimmen-Festival. Mit Attraktionen wie diesen gelingt es der Stiftung Klangwelt Toggenburg, Touristen ins Tal zu holen, die im Idealfall sogar länger als nur einen Tag bleiben, dort die Bergbahnen benutzen, in den Restaurants essen, in den Hotels übernachten und in den Läden einkaufen.
Klangschmiede in ehemaliger Mühle
Mit der Klangschmiede in Alt St. Johann ist ein weiteres Puzzlestück zur umfassenden Klangwelt kürzlich eröffnet worden. Besucher können einem Schmied wie Andreas Keller oder einem Hackbrettbauer bei der Arbeit über die Schulter schauen, verschiedene Workshops mit Künstlern besuchen, im Klanglabor Geräusche sichtbar machen und im Shop Produkte aus der Schmiede kaufen. Untergebracht ist die Klangschmiede in einer ehemaligen Mühle aus dem 16. Jahrhundert. Als vor einigen Jahren die dort ansässige Bäckerei ihre Türen schloss, übernahm die Stiftung Klangwelt das Gebäude. Der Kauf und die sorgfältige Sanierung des historischen Gebäudes sprengten aber das Budget der Stiftung. Um die Pläne umsetzen zu können, war Projektleiter Alois Ebneter auf Spenden angewiesen. Auch die Schweizer Berghilfe beteiligte sich. «Ohne die Berghilfe gäbe es die Klangschmiede heute nicht», sagt Ebneter. «Wir hätten nie genügend Geld auftreiben können», sagt Ebneter. Erst die Zusage für einen Unterstützungsbeitrag der Schweizer Berghilfe habe das Projekt ermöglicht.
Altes Handwerk zurück in Toggenburg
So wichtig die Klangschmiede in Alt St. Johann für den Tourismus in der Region ist, sie stärkt vor allem auch das lokale Brauchtum. Die typischen Schellen, welche die Kühe in der Säntisregion um den Hals tragen, stammen alle aus dem Tirol. Die dortigen Schellenschmiede haben ihr Handwerk über Jahrhunderte gepflegt, doch nun droht es auszusterben. Im Tyroler Dorf Strengen lebt der letzte Schellenschmied, der diese Kunst beherrscht. «Mit der Klangschmiede können wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen», sagt Ebneter. «Wir erhalten das traditionelle Handwerk und holen es sogar zu uns ins Toggenburg.» Bislang sind es mit Andreas Keller zwei Schmiede, die sich die Kunst des Schellenschmiedens in jahrelanger Tüftelei angeeignet haben.
«Zudem bestehen Kontakte mit Schellenschmieden aus der Innerschweiz, der Westschweiz, und dem Allgäu», so Ebneter. Sollten der Kreativität Grenzen gesetzt sein, trägt daran sicher nicht die Einrichtung der Schmiede Schuld. Mit Esse, Schlaghammer, Bohrmaschine und Säge ist sie komplett ausgestattet. Die Maschinen stammen alle aus dem frühen 20. Jahrhundert und werden über Lederriemen angetrieben – von einem Wasserrad neben dem Haus. «Wir wollten die Quelle, die hinter dem Haus dem Hang entspringt, unbedingt nutzen, wie damals, als die Mühle noch in Betrieb war», sagt Ebneter. Mit Fabio Guidi fand er einen Experten, der aus Metall ein Wasserrad fertigte, das auf die lokalen Begebenheiten massgeschneidert ist. Es sieht dekorativ aus, treibt die Maschinen an und liefert erst noch CO2-neutralen Strom für vier bis sechs Haushaltungen. «Die Lage der Mühle ist perfekt für ein Wasserrad», sagt Guidi. Die Quelle liefere genügend Wasser und trockne auch im Sommer nie aus. «Diese Energie nicht zu nutzen wäre schon fast eine Sünde.»
Andreas Keller hat inzwischen die Arbeit erledigt, seine Rollen sind aber noch lange nicht fertig. Erst müssen sie noch in Lehm eingepackt und in einem speziellen Ofen bei Temperaturen von über 1300 Grad «vermessingt» werden. Dabei erhalten sie einerseits ihre goldene Farbe und den obertönigen Klang, andererseits werden dabei auch gleich die einzelnen Metallteile zusammengelötet. Doch diese Arbeit erledigt Keller vorderhand in seiner eigenen Werkstatt. In der Klangschmiede ist die Glut bereits von einer grauen Ascheschicht überzogen und kühlt langsam aus. Lange wird die Esse aber nicht kalt bleiben. Der nächste Schmied wartet schon auf seinen Einsatz.
© 2011 Max Hugelshofer, Berghilf-Ziitig, Ausgabe Sommer 2011. www.berghilfe.ch
Datum: 28.06.2011 08:00




