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Pierre Favre – Der Reisende
Pierre Favre ist nicht einfach nur ein Schlagzeuger. Von vielen Nachwuchskräften seines Fachs wird er mit geradezu religiöser Inbrunst verehrt – und auch seine Musik ist von einer spirituellen Kraft geprägt. Zeit für einen Besuch in Uster, einem Dorf in der Nähe von Zürich, wo Pierre Favre seit Jahren wohnt.
Zur Musik ist Pierre Favre gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. „Ich habe 1953 angefangen zu spielen und war ein totaler Autodidakt“, erinnert er sich. „Mein Bruder hatte ein kleines Tanzorchester im Schweizer Jura, und er hat mir eigentlich befohlen, Schlagzeug zu spielen. Das war ziemlich autoritär, aber im Nachhinein fand ich es toll. Ich wollte eigentlich Bauer werden, das war meine Leidenschaft, aber er hat mich gezwungen, Schlagzeuger zu werden. Nach wenigen Tagen war ich leidenschaftlicher Schlagzeuger, da war ich fünfzehn.“
Doch natürlich war der Jura zu klein für einen aufstrebenden Musiker. „Mit siebzehn bin ich in ein professionelles Tanzorchester eingetreten,“ erzählt Pierre Favre, „Jazz war damals noch gar nicht denkbar. Der Bandleader musste die Verantwortung für mich übernehmen, weil ich ja noch nicht volljährig war. Schließlich endete ich bei Albert Mangelsdorff, George Gruntz und Chet Baker – das war alles noch in den 50er-Jahren.“
„Wenn jemand Kinder hatte, hat er die auf die Bühne geschickt, und sie durften mittrommeln. Irgendwie hat man gehofft, dass daraus eine neue Gesellschaft entsteht.“
Beim Radioorchester Basel fand Favre eine feste Anstellung, obwohl er keine Noten lesen konnte. „Ich konnte mir alles gut merken, da fiel das nicht so auf“, lacht er. Doch die Liebe des Drummers ging zum Jazz, seit Favre, der 1937 geboren wurde, 1953 zum ersten Mal ein Jazzkonzert gesehen hatte. „Kurz darauf habe ich mir Platten von Max Roach besorgt“, sagt Favre. „Dixieland-Sachen habe ich erst viel später kennen gelernt, damals war Bebop angesagt. Anfang der 60er-Jahre bin ich nach Paris gezogen und habe da auch Kenny Clarke gesehen. Eine Zeitlang habe ich auch in Rom gewohnt und habe mit Bill Smith gespielt, einem tollen Klarinettisten. Wir haben auch Aufnahmen für RCA Victor gemacht (,The American Jazz Ensemble in Rome‘ – Anm. d. Aut.). Geld gab‘s dafür allerdings nicht.“
Geld kam dann aus einer völlig unerwarteten Ecke. „In der Zwischenzeit hatte Max Greger angerufen, aber ich war so arrogant, sein Angebot abzulehnen“, schämt sich Pierre Favre noch heute. „Er dagegen war so großzügig, mir zu prophezeien, dass er sich in einigen Jahren noch mal melden werde. Da habe ich dann gemerkt, dass mit ,richtigem‘ Jazz kein Geld zu verdienen ist. Als Greger das zweite Mal anrief, habe ich zugesagt.“
Max Greger und Free Jazz
Es ist zwar kein Geheimnis, dass Pierre Favre fünf Jahre lang der Schlagzeuger von Max Greger und seinem Tanzorchester war, aber so richtig bewusst ist es den Jazzfreunden auch nicht. Es ist Favre, der jahrzehntelang im Aktuellen Sportstudio des ZDF zu hören war, denn er saß bei der Einspielung der Titelmelodie am Schlagzeug. „Ich bin auf Hunderten von Aufnahmen von ihm zu hören, auch bei der Titelmelodie vom Aktuellen Sportstudio“, bestätigt Favre. „Das weiß tatsächlich kaum jemand. Greger hatte tolle Musiker, Benny Bailey, Don Menza… Aber es war aufreibend, manchmal haben wir zwei Konzerte täglich gespielt. Es war mir aber bewusst, wie viel ich bei ihm lerne, und deshalb bin ich dabei geblieben. Irgendwann merkst du, dass du nicht nur dein Instrument beherrschst, sondern auch völlig neuen Genres gegenüber offen wirst. Parallel zu Greger habe ich Free Jazz mit Albert Mangelsdorff gespielt, das war schon eine absurde Situation. Das sollte man beides mal gemacht haben. Max Greger war fast wie ein Beamtenjob, wir hatten auch wochenlang frei und konnten machen, was wir wollen in der Zeit. Nach fünf Jahren hatte ich trotzdem genug. Heute frage ich mich manchmal: ‚Habe ich das wirklich gemacht?’“ Pierre Favre bricht in schallendes Gelächter aus.
Der Weg zum Schlagzeug- und Perkussionsguru war noch weit, doch ein Anfang schon erkennbar. „Daniel Humair hatte mich bei Paiste empfohlen, und sie haben mich unter Vertrag genommen“, grinst Favre, „als Beckenspezialist sozusagen. Ich habe halb so viel verdient wie bei Greger, aber die Freiheit hat eben ihren Preis. Und bei Paiste konnte ich machen, was ich wollte.“
Bei der Firma lernt Pierre Favre von der Pike auf, wie Becken entstehen und hergestellt werden. Von der richtigen Aufhängung („Becken müssen gerade hängen“) bis zum fein austarierten Klang nimmt Favre Einfluss, und etliche Becken werden nach seinen genauen Anweisungen hergestellt. Der Beckenbaum, als dessen Erfinder Favre wohl gelten darf, hat sich in alle Welt ausgebreitet, am offensichtlichsten bei Favres gelehrigstem Schüler, dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli (Steamboat Switzerland, Zoom), der übrigens ebenfalls in Uster lebt. Und dass man ein Schlagzeug auch leise spielen kann, ist spätestens seit Paul Motian längst Konsens – auch hier hat Pierre Favre Erkenntnisse befördert und Entwicklungen losgetreten.
Ende der 60er-Jahre begann Pierre Favre nämlich, sich mit seiner eigenen Musik zu beschäftigen. Seine Kontakte in alle Welt waren damals so reichhaltig, dass er sich eine Sekretärin für seine umfangreiche Korrespondenz suchen musste. „In Zürich habe ich Irène Schweizer getroffen, die habe ich eingestellt“, erzählt er, „aber später habe ich dann auch mit ihr gespielt. George Mraz war der Dritte im Trio, aber er ist dann in die USA gegangen. Für ihn kam Peter Kowald, und es wurde sehr radikal.“
Die Blütezeit des europäischen Free Jazz hatte begonnen, und Peter Kowald war ihr Prophet. „Das war damals Pflicht, ,nichts‘ zu spielen“, seufzt Pierre Favre. „Und das Publikum wollte es auch – eine komische Zeit, eine Art psychologische Revolution. Wenn jemand Kinder hatte, hat er die auf die Bühne geschickt, und sie durften mittrommeln. Irgendwie hat man gehofft, dass daraus eine neue Gesellschaft entsteht.“
„,Schöne Klänge‘ galten als ,schwul‘ und das war damals noch ein Schimpfwort.“
Heute kann man sich ein Grinsen kaum verkneifen, aber damals war es bitterer Ernst. George Duke wurde bei den Berliner Jazztagen von der Bühne gejagt – es flog auch Gemüse –, nur weil er Background-Sängerinnen dabei hatte; Friedrich Gulda, begeisterter Free-Jazz-Apologet, beschimpfte sein Beethoven-Publikum von der Bühne herab als „Arschlöcher“, und beim Globe Unity Orchestra spielte man sich frei.

„Ich habe in der Zeit mein Soloprogramm entwickelt“, meint Pierre Favre nur. „Kowald meckerte an meinem Gong herum – davon hielt er gar nichts, er wollte nur, dass ich Krach mache. Da merkte ich, dass es Zeit war, mich zurückzuziehen. Meine erste Soloplatte 1969 hieß dann ,Drum Conversation‘. Überraschenderweise war das ein großer Erfolg, und 1972 habe ich solo in Berlin gespielt – ebenfalls vor vollem Haus. Aber bei den Vertretern der reinen Lehre galt ich als Verräter, weil ich ihren Kreis verlassen hatte. ,Schöne Klänge‘ galten als ,schwul‘, und das war damals noch ein Schimpfwort.“
Feinsinniges aus München
In dieser Zeit sind Verletzungen entstanden, die mittlerweile wohl verheilt sind, denn Pierre Favre denkt auch an diese Zeit gerne zurück. „Der Free Jazz war schon notwendig, denn vorher war der Jazz viel zu formal“, stellt er klar. „Es wurde dann nur viel zu weit getrieben. Ich wollte sehr bald wieder eine Form finden für meine Musik, das besinnungslose Draufhauen hat mir nicht eingeleuchtet. Ich bin kein Intellektueller, aber der Free Jazz war gar nicht frei, weil er auch nur eine neue Konvention erfüllte: Alles musste laut und formlos sein. Eine Zeitlang war das gut und wichtig, aber eben nur eine kurze Zeit. Auf die Dauer hat mich das nicht interessiert, mir ging es um Feinheiten.“
Da musste er früher oder später bei ECM landen, dem Label für Feinheiten aller Art, und tatsächlich hat Pierre Favre einige seiner schönsten Platten für das Münchner Edel-Label eingespielt. Die letzte war „Fleuve“, die Favre 2005 einspielte und die im Oktober 2006 veröffentlicht wurde. Peter Rüedi konstatierte in der „Weltwoche“: „Diese Poesie ist nicht gemütlich, sondern scharf. Über all den tiefen Sounds weht ein zauberischer Atem.“ Bassist Wolfgang Zwiauer, damals schon dabei, gehört auch heute noch zum Pierre Favre Ensemble. Harfenistin Hélène Breschand und Michel Godard an der Tuba sind dagegen nicht mehr dabei. Mit seiner Zeit bei ECM hat Pierre Favre abgeschlossen.
„Ich habe ungefähr ein Dutzend Platten für ECM gemacht, und Manfred Eicher hat wirklich Unglaubliches geleistet“, sagt Favre stockend und man spürt, dass noch ein „aber“ kommt – „aber es ist nicht einfach mit ihm. Jetzt bin ich wieder bei Intakt und Patrik Landolt. Die Projekte, die ich mache, möchte ich auch veröffentlichen, und das ist bei Intakt möglich. Intakt wird auch meine Soloplatten aus den 70er-Jahren wieder herausbringen, weil Patrik sagt: ‚Das ist vergessen, und es ist wichtig, das wieder in Erinnerung zu rufen.’ Da sind dann auch unveröffentlichte Bonus-Tracks dabei, ich mache das mit Lucas Niggli.“
Wir sind in der Gegenwart angekommen, bei der tollen neuen CD „Le Voyage“ (Intakt/Records), die Pierre Favre mit einem Großensemble schweizerischer Musiker eingespielt hat: vielschichtige, komplexe Musik, für die man sich Zeit nehmen muss. „Durch Lucas Niggli habe ich Claudio Puntin kennen gelernt, der in meinem neuen Ensemble eine ganz wichtige Rolle spielt“, erläutert Pierre Favre. „Auf Tour greife ich allerdings nach wie vor auf Frank Kroll zurück. Dass die ganze Band aus schweizerischen Musikern besteht, ist schon allein deshalb prima, weil sie immer in der Nähe sind und wir uns ganz einfach zu Proben verabreden können.“ Auf seiner Reise ist Pierre Favre noch lange nicht am Ziel angekommen.
Text: Rolf Thomas
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlages Alex Stinshoff, jazzthing.de.
» Kurs "Rhythme en mouvement" von Pierre Favre bei KlangWelt Toggenburg vom 18. bis 20. März 2011
» Kurs "Rhythme en mouvement" von Pierre Favre bei KlangWelt Toggenburg vom 9. bis 11. September 2011
Datum: 08.02.2011 10:23




